Wikileaks
Stellen Sie sich vor, Sie hätten brisantes Material. Sie haben z.B. Dokumente erhalten, die zweifelsfrei belegen, dass die Regierung an illegalen Tötungsdelikten beteiligt ist, die zur Terroristenbekämpfung vollzogen wurden. Dies ist illegal. Es ist ein Verbrechen.
Wem geben Sie diese Dokumente?
Früher konnte man diese Dokumente in Deutschland z.B. dem Spiegel oder einer großen seriösen regionalen Tageszeitung zuschicken.
Leider ist heute die Wahrscheinlichkeit, dass diese Papiere auf diesem Wege die Öffentlichkeit erreichen eher gering.
Die Redakteure dieser Zeitungen würden mit einiger Wahrscheinlichkeit vielleicht folgende Überlegung anstellen:
Wenn wir dieses Material veröffentlichen
1) machen wir uns juristisch verantwortlich, da das erlangte Material unter der höchsten Geheimhaltungsstufe klassifiziert ist. Neben den Kosten einer juristischen Auseinandersetzung setzen wir uns der Gefahr aus, in Zukunft vom staatlichen Presseinformationsservice benachteiligt zu werden. Im Interesse der ökonomischen Sicherheit unserer Firma und den schutzwürdigen Interessen unserer Mitarbeiter werden wir das Material nicht veröffentlichen.
2) gefährden wir die Sicherheit und Ordnung in diesem Staat, da (gewalttätige) Proteste zu erwarten sind. In anbetracht dieser großen Gefahr werden wir diese Information als verantwortliche Staatsbürger nicht veröffentlichen.
3) beteiligen wir uns an der Verbreitung illegal erhaltener Informationen. Dies können wir nicht verantworten.
4) machen wir uns zu Komplizen der Terroristen und daher muss diese Information wie klassifiziert geheim gehalten werden.
Kurz: Wenn Sie Ihr Leben an die Veröffentlichung dieser Dokumente durch die deutschen Presse- und Medienanstalten knüpfen, haben Sie wahrscheinlich verloren.
Leider ist es mit dem mutigen Journalismus in diesem Land schon lange vorbei.
Es ist reine Hofberichterstattung. Brisantes Material wird nur dann veröffentlicht, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt.
Das ist die Lebensberechtigung von Wikileaks.
Eine guter (investigativer) Journalismus benötigt kein Wikileaks. Länder, in denen der investigative Journalismus gestorben ist, benötigen Wikileaks.
Wikileaks ist daher eine Schande für den investigativen Journalismus.
Dies spürt man auch an den Reaktionen der Medien auf die absurde Hatz auf und Verhaftung von Julian Assange.
Mit einer Art klammheimlichen (Schaden-)Freude scheint über diesen Fall berichtet zu werden. Statt sich für die Verteidigung der Pressefreiheit einzusetzen und sich unmissverständlich VOR Assange aufzubauen, wird das von ihm gelieferte Material veröffentlicht (ließ sich nun nicht mehr vermeiden!) aber er als Quelle wird diskreditiert. Das ist der autoritäre Charakter des deutschen Journalismus.
Es geht in Wahrheit nicht um die Inhalte der Veröffentlichung, sondern um das Versagen des konventionellen investigativen Journalismus.
Dass die wirtschaftlichen großen Unternehmen sich an der Hatz beteiligen, ist ihre freie Entscheidung. Vorauseilender Gehorsam mag in manchen Zeiten wirtschaftlich klug in anderen Zeiten aber katastrophal sein. Dies liegt oft in der Konsequenz und der Aktvität der Kunden und Verbraucher.
Wie immer verdient das Volk, was es bekommt.
BTW: Als personifizierte Schande des deutschen Journalismus fällt mir gerade Herr Ulrich Deppendorf, Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Mitglied im Kuratorium von Journalists Network und ein Mann, der Angst vor seinem eigenen Schatten hat, ein. Seine devoten Interviews mit deutschen Politikern (Motto: "Guten Abend Frau ...., Entschuldigung, dass ich sie was fragen muss...") grenzen geradezu an Peinlichkeit.
